Habe Mut, Dich zu bilden

Der Verstand ist keine App und die Gefühle sind keine Smileys. Eigene Geisteskräfte sind unverzichtbar. Was kann Philosophie zur Bildung der Kinder beitragen?

Die Seele des Menschen erlaubt kein Vakuum ohne Werte. Ein geschlossenes und vernünftiges System der Ideen kann jedoch nicht als angeboren gelten. Diese Offenheit ist Zeichen der menschlichen Freiheit. Dies ist kein Mangel, denn es ist vielmehr das Wesen der Werte, bewusst ausgewählt zu werden. Aber fehlen sie, dann drängen sich von außen Werte auf, dies ist ein Zustand der Abhängigkeit. Entfällt darüber hinaus ein ordnender Maßstab, dann können falsche Werte die Seele besetzen und das Wertesystem bleibt schutzlos jedem Einfluss ausgesetzt.

Besondere Talente sind angeboren, sie gilt es individuell auszubilden. Die vielfältigen Begabungen machen die Menschen einzigartig. Verbunden sind die Menschen aber über ein grundlegendes Bedürfnis nach normativer Orientierung, ob gefühlt oder bewusst bedacht. Diese Grundverfassung des Menschen ist ihm als Mensch eigen, aber auch einer Bildung bedürftig. Kinder sind uneingeschränkt offen, sie können das Gute unmittelbar annehmen, sie relativieren nicht. Diesen offenen Zustand der Seele gilt es anzusprechen. Denn die nachhaltigen Prägungen finden in der Seele der Kinder statt. Werte bieten den Kindern Halt, um sich selbst zu halten. Sie übersteigen konkrete zwischenmenschliche Verhaltensformen, sind aber auch nicht notwendigerweise bereits klassische Tugenden. Als Beispiele sind zu benennen: Respekt, Toleranz, Mitgefühl und Wahrhaftigkeit.

Die traditionellen Träger der Werte waren Familie und Kirche, die verbunden waren durch eine autoritative Klärung der Sinn-Frage. Diese normativen Angebote fallen heute einem zunehmenden Trend der Individualisierung zum Opfer. Damit verlagert sich die notwendige Wertevermittlung von der passiven Rezeption zur aktiven Auswahl.

Wie ist mit der Pluralität der Angebote umzugehen? Trägt der technische Fortschritt allein zur moralischen Bildung der Kinder bei? Reduziert er nicht die Möglichkeiten des Lebens auf das technisch Verfügbare? Die technologische Perspektive ohne geistige Ergänzung ist einseitig, als Resultat werden informierte Konsumenten ausgebildet. Aber auch mündige Bürger?

Es sind die Konsequenzen und Grenzen einer einseitigen Perspektive aufzuzeigen. Dies bedeutet den technischen Fortschritt mit seinen Möglichkeiten anzunehmen, aber nur in einem wohl bestimmten Rahmen als Instrument, nicht als exklusive Orientierung. Aufgeklärtes Denken beabsichtigt dabei nicht, vergangene Wertestrukturen zu rehabilitieren, sondern den einzelnen Menschen in Stande zu setzen, sich begründet, kritisch und selbstsicher eigene Werte zu setzen. Die schulische Vermittlung hat deshalb die intellektuelle Deutungshoheit wiederzuerlangen, sie begleitet dynamisch die Kinder, das eigene Selbst – mit seinen Fragen und Bedürfnissen nach Werten – bilden zu lassen.

Philosophie heißt, Neugierde und Kritik zu wecken, um das natürliche Staunen zu schärfen und zu eigenständigem Erkennen, Bewerten und Urteilen anzuleiten. Für die Gestaltung eines philosophischen Unterrichts liegen die Konsequenzen daher in einer dem Alter entsprechenden Förderung der Neugierde. Philosophie ermuntert, die Grenzen der konkreten Unterrichtsfächer zu überschreiten und auch die Zusammenhänge zu überblicken. Die zunächst gefühlte Unwissenheit ist keine Bedrohung. Sie ist ein Anreiz, eigenständig Werte zu entdecken und sie gedeihen zu lassen. Nicht das Angebot geschlossener Antworten, sondern die Kompetenz, die Orientierungsbedürfnisse des Kindes zu erkennen und als Fragen zu formulieren, zeichnet die Philosophie aus. In diesem Sinne gehört philosophischer Unterricht zum Anfang und Ziel der Bildung. Wesentlich ist dazu der Akt des freien Erwerbens von Werten.

Veröffentlicht in Allgemein | Kommentare deaktiviert für Habe Mut, Dich zu bilden

Optimismus

Klugheit braucht oft nicht viele Worte. Ein Komplex an argumentativen Einschränkungen oder Bedingungen erregt Verdacht. Denn kein Gedankensystem kann alle Möglichkeiten des Lebens antizipieren. Ein Kriterium einer klugen, vielleicht auch wahren Aussage ist seine Kürze. Thomas Jefferson, 3. Präsident der Vereinigten Staaten, schrieb über menschliche Motivation:

Ohne was falsch zu machen, kannst du nicht Meister werden.

Heutige Zeiten kennen ein Überangebot an Motivationsratgeber und Coaching-Anleitungen. In den verschiedensten Varianten wird Hilfestellung gegeben. Schlagkräftig bringt Thomas Jefferson das Geheimnis des individuellen Erfolges auf den Punkt. Es gibt keinen geraden Weg, und wer ihn sucht, der zögert und zaudert. Wer das mögliche Falsch-Machen zu sehr bedenkt, hat es schon falsch gemacht. Das Leben bedeutet Brüche zu akzeptieren. Diese einfachen Worte reichen, angemessen bedacht, um sich motiviert zu fühlen. Sie legen das Leben nicht in die Hände anderer, sondern in die eigenen.  An  der Fähigkeit, mit Schwierigkeiten und Abweichungen umzugehen, zeigt sich die Größe der Person. Optimismus ist also in Fehlern kein Scheitern zu sehen.

Veröffentlicht in Allgemein | Kommentare deaktiviert für Optimismus

Vom Staunen zum Wissen

Mit einem ungetrübten Staunen beginnt das Bedürfnis des Kindes nach Wissen. Es ist daher Zugangstor zur geistigen Erschließung der Welt. Alles kommt auf den Prüfstand kindlicher Neugierde. Staunen und Sich-Wundern sind Ausdruck einer natürlichen Anlage, individuell in unterschiedlichen Graden ausgeprägt, aber immer einer bewussten, umsichtigen Pflege bedürftig. Ein aufgeklärter Umgang, den Wissensdrang fördernd und anleitend, nimmt das Kind in seinem tiefen Wesen als Mensch an. Die pädagogische Begleitung hat dabei keinen statischen Charakter, sie zielt darauf ab, das Kind zunehmend selbstständig werden zu lassen, passt sich seinem Entwicklungsstand an. Oder mit anderen Worten: sie zielt auf die Kompetenz, eigenständig Wissen zu erzeugen.

Mit dem Staunen ist außerdem ein wachsendes Bewusstwerden seiner selbst als Person verbunden. Vom Äußeren ausgehend richtet sich die Wahrnehmung  zunehmend auf das eigene Innere: Es ist das Ich, das die Welt kennen lernt und sich durch die Welt erkennt. Es findet kein einseitiger Prozess einer reinen Wissensakkumulation statt, sondern vielmehr eine tiefere, zweiseitige Interaktion, die dem Kind auch eine emotionale Annahme als fragenden Wesen vermittelt. Die Erfahrung, fragen zu können und angemessene Antworten zu erhalten, ermöglicht eine bedeutsame Geborgenheit, die den geistigen Austausch als ein konstitutives Element menschlichen Daseins erweist. Das Kind fühlt sich dann als Mensch angenommen und bleibt für das weitere Lernen offen. In unübertroffener Art fasste Benjamin Franklin die Vermittlung von Ich und Wissen zusammen:

Tell me and I forget. Teach me and I remember. Involve me and I learn.

Das Ausmaß an persönlicher Betroffenheit bestimmt also den Grad der Verinnerlichung von Wissen. Im Wissen verschränken sich Subjekt und Objekt, bleiben eigenständig, aber das Eigene wird nur durch das Andere.

Veröffentlicht in Allgemein | 2.146 Kommentare

Alte Denker

Wir können von ihnen lernen. Lernen, die Welt ohne verfestigte Meinungen zu sehen, das Wesentliche zu erkennen und die Urteile zu bedenken. Man mag vielleicht bedrückt sein, dass seit der Zeit Ciceros die Menschen sich in ihrem Handeln, dem Tun und Unterlassen, nicht wesentlich verbessert haben. Als kritischer Beobachter fasste er den moralischen Zustand Roms am Ende der Republik mit den Worten zusammen:

Zum Reichtum führen viele Wege. Und die meisten sind schmutzig.

Das ist zunächst keine Kritik am Streben des Menschen nach Wohlstand und Sicherheit. Die Verfolgung dieser Ziele mit rücksichtslosen Mitteln allein wird verurteilt. Seine Worte sind daher zeitlos gültig. Wir erkennen in den verschiedenen Epochen der Geschichte einen konstanten Wesenszug des Menschen und fühlen uns nicht berufen, über andere ein aufgeklärtes Urteil zu sprechen.  Ein großer Geist zeigt sich darin, eine offenkundige Tatsache mit klaren Worten aufzudecken.  Es ist hier eine allgemeine Tendenz einer egoistischen Bereicherung zum Ausdruck gebracht worden, die aber auch Freiraum zur Verbesserung lässt.  Dieses Zitat belehrt uns über den Menschen, ohne in Vorurteilen zu erstarren. Realistisches Denken geht vom wirklichen Leben aus, verschließt sich aber nicht der Hoffnung.

Veröffentlicht in Allgemein | Kommentare deaktiviert für Alte Denker

Die Vernunft der Philosophen

Philosophen sind Überzeugungstäter. Getrieben von einer Unruhe, stellt das Leben in seiner Fülle für die Philosophen ein Rätsel dar. Keine Erscheinung  ist zu unbedeutend, um nicht einmal bedacht zu werden. Nicht zufällig begann das uns überlieferte philosophische Reflektieren in den warmen Gefilden der griechischen Staaten. Als die Not des Lebens gemildert war, konnte sich dort das ruhige Nachdenken erheben. Aber es blieb nicht bei den großen Fragen allein. Das sich offenbarende Bild einer wohlgeordneten Struktur schien die Handschrift eines Schöpfers, eines Demiurgs, zu tragen. Die erkannte Welt wurde aufgeladen mit dem Gedanken eines Gut-Seins. Große Antworten wurden bedacht, Antworten, die geschlossen und harmonisch waren.

Unter den möglichen Varianten schien die wirkliche Welt die Beste zu sein. Für den weiteren Verlauf der Philosophie hat der Gedanke einer vernünftigen und sinnvollen Anordnung immense Auswirkung. Nun war eine argumentative Begrifflichkeit verfügbar, die es erlaubt, das Wirkliche der Welt mit einem göttlichen Willen zu versöhnen. Der Mensch fand seinen Platz. Ein Schöpfer würde immer aus den möglichen die beste Welt wählen, weil man ihm einen guten Willen unterstellt. Dieses Zusammenfallen von Sein und Idee findet Ausdruck in dem Begriff der Vernunft. Sie ist nicht bloß ein gesollter idealer Zielpunkt und Maßstab, sondern auch wirksame Kraft, die unabhängig bewegt. Aus diesem Gedanken entspringt eine große Faszination.

Dieser Optimismus wurde jedoch nicht uneingeschränkt geteilt, vielmehr fand er bittere Kritik, auch unter Hinweis auf die wirklichen Leiden in der Welt. Wie konnten die unzähligen Opfer von Kriegen und Tyranneien getröstet werden, ohne der Vernunft Hohn zu sprechen? Große Denker ließen sich zu wenig einfühlsamen Aussagen verleiten, die das wirklichen Leiden nicht als prinzipiellen Einwand gegen die angenommene vernünftige Struktur gelten ließen. Eine in der Neuzeit anzutreffende Denkhaltung war die Geschichtsphilosophie, wobei eine zunächst realistische Variante bei Kant von seinen Nachfolgern Hegel und besonders Marx radikalisiert wurde. Hier wurde die Vernunft als Prozess verstanden, der die Welt perfektioniert. Die Vernunft als Universalschlüssel einer elitären Gemeinschaft von Philosophen trat als zentrales Motiv auf. Einwände wurden übersehen, beiseite gewischt oder einfach ignoriert. Bezeichnend war die Reaktion Hegels, der, als man ihn auf die Widersprüchlichkeit seines Systems mit der Wirklichkeit hinwies, abschätzig meinte: Umso schlimmer für die Wirklichkeit.

Dieses schematisierende Denken, vielleicht von guten Absichten getrieben, endete in einer Realitätsflucht und dem Willen, der erkannten gesetzmäßigen Entwicklung auf die „Sprünge zu helfen“ und damit in Unvernunft.

Wenn die optimistische Annahme der Vernunft auf die realistische Skepsis des Lebens trifft, dann wird der Anspruch des Denkens bescheiden. Es gilt wie an anderer Stelle: weniger ist mehr. Vernunft ist eine passive Kraft, ein besinnliches Betrachten von Gefühl und Gedanke, vielleicht eine immanente Kraft der Seele. Sie erlaubt uns, das Gute zu empfinden als ursprüngliche Schau, als Emanation. Ein Gefühl ohne Begriff bleibt stumm, so stellt die Vernunft die angemessenen Begriffe und Formen zur Verfügung und bringt die Gefühle zum Ausdruck. Das Gute allein benötigt freilich nicht die Bestätigung durch unsere begrenzte Vernunft. Das Gute verwirklicht sich durch ein verantwortliches Tun, nicht durch das blinde Folgen eines angeblich vernünftigen Automatismus.

Veröffentlicht in Allgemein | Kommentare deaktiviert für Die Vernunft der Philosophen

Bücher in die Welt

In Zeiten von ebook, tablets und smartphone gerät das gute alte gedruckte Buch in Vergessenheit. Dabei liegen seine Vorteile auf der Hand. Es ist unabhängig von Elektrizität und Netzempfang nutzbar, hat eine eigenständige Präsenz und  überlebt Kaffeeflecken, die oftmals liebe Erinnerungen bergen. Schließlich kann man es verleihen und  verschenken. Es geht von Hand zu Hand.

Einfache Idee, große Wirkung. Und deshalb überzeugend:  Es werden Bücherboxen aufgestellt, um ausgelesene und alte Bücher zu spenden. Jedes Buch enthält auf irgendeine Art eine Spur von Wahrheit, so dass das Spenden eine besondere Art des Gebens ist. In einem Buch spricht eine Stimme, es zu lesen, heißt mit dem Verfasser zu sprechen.

Diese Bücherboxen warten auf Spenden in Phoenix, Arizona. Die geistige Welt verdoppelt sich durch das Teilen. Jede freie Gesellschaft benötigt Bücher, gleicher welcher Intention oder Qualität. Ideen können widerlegt werden, aber man sollte ihnen Gelegenheit zur Mitteilung geben. Bücher sind mehr als geheftetes oder geklebtes Papier, sie sind eine kulturelle Errungenschaft. In ihnen wird die Welt widergespiegelt, welches Schicksal ist ihnen angemessener als sie der Welt zurückzugeben?

Veröffentlicht in Allgemein | Kommentare deaktiviert für Bücher in die Welt

Marktwirtschaft

Die schönste Form der Marktwirtschaft ist – der Trödelmarkt. Eine besonders in guten Jahreszeiten florierende Form des unmittelbaren Entdeckens, Zögerns, Zurückkommens und Kaufens von Gegenständen, nützlich oder gesucht.

Der eiserne Vorsatz, kein Geld auszugeben, ist immer vergeblich getroffen. Ich gestehe, dass mir das Verhandeln schwer fällt. Finde ich einen interessanten Gegenstand, meistens ein Buch, dann wird der Preis schnell akzeptiert. Mein Vater ist listiger, denn kein Preis ist ihm niedrig genug. In früheren Zeiten hat er so eine beachtliche Spiegel-Sammlung aufgebaut. Vielleicht bewirkten es immer Spiel und Interesse zusammen, den Preis drücken zu wollen. Nichtsdestotrotz machte ich so mit dem kleinen Einmaleins der Marktwirtschaft Bekanntschaft: Die Nachfrage reguliert das Angebot.  Trotzdem bin ich kein schlauer Käufer. Strategisches Denken für die Preisbildung lernte ich erst später mit eBay, auch einem riesigen Trödelmarkt. Doch ebay fehlt die Atmosphäre des verregneten, des windigen, des überfüllten und lauten Gedrängels. Sicher, man findet, was man sucht, aber es ist nicht das unmittelbare Leben. Die Vertragspartner bleiben anonym. Es wird online überwiesen und irgendwann trudelt ein Brief oder Päckchen ein.

Die Vorgehensweise auf dem Trödelmarkt variiert: Etwas fällt ins Auge, versteckt und unscheinbar. Man geht weiter, kommt zurück und greift zu. Kinder haben es leichter: sie suchen große Kuscheltiere oder kleine Puppen, aber immer Gegenstände, die sofort ihre Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ein Freudenschrei (wie ein kleiner Entdecker auf großer Fahrt) kündigt den glücklichen Fund an: Papa! Mit einem lieben Unterton, der das weitere ahnen lässt. Ein Weitergehen ist oft unmöglich, das kann nur der nicht verstehen, der vom Glanz der Kinderaugen gänzlich unberührt bleibt. Auch der Appell: Du hast doch schon… Ob kleiner Drache oder Buch. Oder das alte Lego-Auto, das mir mein Vater schenkte, vor 29 Jahren.

Der Trödelmarkt, auf dem man trödelt, hat seine bezaubernde Gesetzlichkeit, unberechenbar und überraschend. Eine schier unglaubliche Fülle bietet sich an. Mit jedem Buch, jeder Puppe ist auch eine eigene Geschichte verbunden. Wer sucht, der findet oft nicht. Aber manchmal findet man, gerade wenn man nicht sucht. Ist das Glück?

Veröffentlicht in Allgemein | Kommentare deaktiviert für Marktwirtschaft

Bilder, die wir machen

Die Addition ist eine grundlegende Funktion der Mathematik. Oftmals entscheidet sich in den ersten Schuljahren bereits, ob wir leichten oder schweren Zugang zu dieser Wissenschaft finden. Bei der Addition werden Summanden zu einer Summe zusammengeführt, sie bleiben virtuell vorhanden, bilden aber auch eine neue Quantität in der Summe.

Ist aber jede – besonders die nicht-mathematische – Größe oder allgemeiner formuliert Erscheinung auf ihre einzelnen Bestandteile zurückführbar?  Man nehme eine Ganzheit, wobei komplexe, wechselwirkende Phänomene nicht betrachtet werden sollen, und mache die Probe.

Ein Gemälde, Produkt eines schaffenden Geistes, hier ein Kunstwerk meiner Tochter, kann wissenschaftlich analysiert werden: Als eine bestimmte, wohlgeordnete Komposition von Farbauftragungen. Mikroskopisch präzise können einzelne Farbpigmente identifiziert werden. Mit zunehmend tieferer Betrachtung verschwindet jedoch das Gesamtbild und eine Aneinanderreihung von Farbpigmenten tritt in den Fokus. Mit der Lupe erkennt man Farbstriche, mit einem Mikroskop nur noch diffuse Landschaften. Obgleich es sich objektiv um das gleiche Bild handelt, verschwimmt das Gesamtbild. Auf einer atomaren Ebene lösen sich dann auch die einzelnen Farbpigmente und Farben auf, eine schier unzählige Anzahl von Atomen tritt dem Betrachter entgegen und die Gesamtkomposition ist verdeckt.

Aber das Bild bleibt. Es ist zu bezweifeln, ob die Kenntnis der atomaren Struktur eine Ahnung über das makroskopische – also auf der lebensweltlichen Ebene erscheinende – Bild erlauben würde. Es soll damit zum Ausdruck gebracht werden, dass eine bis in unendliche kleine Strukturen vorrückende Analyse zum einen das Gesamtbild verliert und auch nicht mehr zu ihm zurückkommen kann. Der analytische Zugriff bleibt in seinem Rahmen korrekt, aber er verliert zum anderen wesentlich das Gesamtbild aus den Augen, wenn er nicht einen mutigen, das heißt seine eigene Begrenztheit bedenkenden Schritt macht. Eine mechanische Anhäufung der atomaren Bestandteile erreicht nicht das Ganze, mit dem es begann.

Vielleicht ist auch daher die lebensweltliche Ebene unter allen möglichen Perspektiven eine bevorzugte, weil sich allein hier eine Harmonie ereignet, die dem atomar Zergliederten gänzlich fremd bleiben muss. Die Analyse beleuchtet korrekt, sie erreicht aber nicht das Ganze. Sie ist hilfreich, wenn man ihre Grenzen respektiert.

Veröffentlicht in Allgemein | Kommentare deaktiviert für Bilder, die wir machen

Unsere Kinder

Eine bemerkenswerte Aussage macht heute die FAZ. Wissenschaftler, also ausgewiesene Fachleute, stellten fest:

„Nach jahrzehntelangen Experimenten mit Sprachförderung im Kindergarten und in der Schule bestreitet niemand mehr, dass die Beherrschung der Schul- und Bildungssprache Deutsch die notwendige Voraussetzung für schulischen Erfolg, Ausbildung und gesellschaftliche Teilhabe ist.“

Dem Leser drängen sich abstrakte Begriffe wie Sprachbeherrschung, Lesefähigkeit, Sprachförderung, Sprachförderprogramm, Sprachstandserhebung, Sprachleistung, Sprachförderbedarf auf.  Dieser Wust an künstlichen Begriffen und Funktionen verschleiert eine simple Tatsache: Leben heißt sprechen heißt denken. Ohne Sprache, ohne zum Ausdruck gebrachte Gedanken gibt es keinen Kontakt mit der Welt, den Mitmenschen – dies jedoch als Einsicht „nach jahrzehntelangen Experimenten“ anzupreisen, die „niemand mehr bestreiten könne“ ist eine kuriose Aussage, sie ist banal, offenkundig und daran zu erinnern ist verdächtig.

Aber auch an Vorschlägen fehlt es nicht:

„Zu den Aufgaben der Erzieherinnen gehört laut dem baden-württembergischen Orientierungsplan die „Wahrnehmung, Beobachtung und regelmäßige Dokumentation des Entwicklungsstandes bzw. der Entwicklungsfortschritte jedes Kindes“.“

Wo bleibt der Spielraum für individuelle Entwicklungen? Können sich Kinder noch frei entfalten oder werden sie engen Normen unterworfen, um Abweichungen zu korrigieren? Kreativität entsteht durch Abweichung, im Grau in Grau verschwimmt jede Idee. Es werden Untersuchungen durchgeführt, Programme konzipiert, durchgeführt, kontrolliert, evaluiert – dabei liegt die Lösung so nahe: Schluss mit der permanenten Berieselung durch TV und Computer: stattdessen eine einfühlsame Beschäftigung mit den Kindern, ihnen vorlesen. Die Kinder werden dann von einer natürlichen Neugier bewegt, ahmen die Sprache nach und lassen der Phantasie ihren freien Lauf. Dann kann man sich auch das akademische Reflektieren sparen. Das Leben ist einfach – manchmal.

Veröffentlicht in Allgemein | Kommentare deaktiviert für Unsere Kinder

Tacitus

Coruptissimae republicae, plurimae leges  – The more numerous the laws, the more corrupt the government

Tacitus, Annalen III, 27

Veröffentlicht in Allgemein | Kommentare deaktiviert für Tacitus